Ich wurde hausintern gebeten, mal einen Blick auf die Elektrik eines Neumieters zu werfen und zu prüfen, wie weit diese den aktuellen Normen entspricht bzw. wie man sie dorthin bringen kann.
Ein paar "Heimwerkerspezialitäten" waren mir in der Wohnung schon bekannt (Einzeladern in Putz, Schukos ohne PE,...), aber ich hatte nie die Gelegenheit oder den Auftrag tiefer in die Materie einzusteigen.
Fazit nach 6 Stunden Herumkriechen:
1) Der Verteiler muss raus. Ein Legrand von 1980, wo man durch die fehlende Abdeckung der unbenutzten oberen Reihe schon die fliegende PE-Schiene sieht, lose an die Wand getackert. FI 40/4/0,1 von Neptun 2000 (was war das eigentlich? F&G? Baumarkt-Eigenmarke? Sonstige Billigmarke?), dazu vier LEgrand L12 1+N Marke Brandsatz. Beschriftung: Wohnung, WM, Kühlschr. und Küche.
Schaltet man "Wohnung" aus, sind die Küchensteckdosen spannungslos. Schaltet man "Küche" aus, wird der ganze Rest der Dreizimmerwohnung dunkel.
2) Ein nicht ganz unerheblicher Teil der Leitungen stammt vom Bau des Hauses - Ende 1914. Teils in Bergmannrohr, teils nicht. Die ursprünglichen zwei Stromkreise wurden irgendwann zu einem zusammengefasst. Großartig! Und zwar sind die anscheinend sogar bis zum Verteiler geführt und dort gemeinsam auf einen LSS aufgelegt, obwohl 12 TE frei wären.
3) Es gibt Leitungen, die ins Nirwana führen - G-Drähte in Bergmannrohr, Zwillingsleitung 2x0,75, alles.
4) Wer auch immer da Dosen verklemmt hat... kein Kommentar! Manche Adern sind aus der Klemme rausgefallen, manche abgebrochen, manche waren nie drin.
Ein Zimmer hat komplett neue Leitungen, bis auf die Zuleitung - zwei G-Drähte. 50 Zentimeter lang und in Rohr. Trotzdem nie erneuert. Dafür haben irgendwelche Hiwis eine Holzvertäfelung installiert. Schalter und Steckdosen wurden - erraten - aus den Gerätedosen ausgebaut, die Adern mit fliegenden Blockklemmen verlängert und die Geräte in Löcher im Holz gespaxt. Der aktuelle Mieter hat an der Täfelung kein Interesse -> Müll.
Das zweite Zimmer bietet einen bunten Mix - teils neue Leitungen, teils uralte. Auch fliegende Übergänge in der Wand gibt es, ebenso wie Schukosteckdosen an zwei G-Drähten. Wo deren Versorgung herkommt, ist nicht bekannt, in den gefundenen Dosen tauchen sie nicht auf.
Zimmer 3 ist ein Totalschaden. Die Beleuchtung ist original (allerdings hat 30 cm oberhalb des Schalters mal jemand das Bergmannrohr angestemmt, eine der drei Adern dort blind enden lassen und zugegipst, so dass Nachziehen unmöglich ist). Die Steckdoseninstallation ist überwiegend aufputz und beeindruckend fliegend - bis hin zu mit Isolierband umwickelten Blockklemmen hinter der Sockelleiste. Auch YM mit Schukostecker findet man hier, ebenso wie fliegende AP-Schalter mit nicht fingersicheren Schraubklemmen und ohne Abdeckung (ohne Rückwand auf Holz montiert gibt es natürlich auch). Dazu gibts eine Schuko, die mit Ye in Verlegeart C angeschlossen ist.
Die Küche: Licht ist original, G-Drähte in Putz bzw. lose auf der Holzdecke liegend. Die Steckdosen sind neueren Datums, aber auch nicht ganz ohne. Zwei Presto-Doppelsteckdosen waren so ausgeleiert, dass ein Tausch unumgänglich war, dazu war bei einer der PE aufgrund schlechter Klemmung unterbrochen. Auch der Klemmensalat hinter der Steckdose (Abzweigung zu einer weiteren Steckdose) war nicht ganz ohne. Die Unterbrechung war aber egal, da schon der PE der Zuleitung in einer Klemmdose nicht verbunden war.
Das Bad: die alten G_Drähte haben anscheinend kürzlich den Dienst aufgekündigt, deswegen hat ein Elektriker YM mit Nagelschellen verlegt und dabei elegant die Zuleitung zur Waschmaschine angebohrt. Warum er den Schutzleiter an beiden Enden nicht(!) angeschlossen hat, weiß wohl auch nur er. Die weiterführende Leitung hat keinen, aber wenigstens am anderen Ende hätte er ihn ja anklemmen können/müssen.
Ganz apart ist der Eigenbau über dem Waschbecken. Eine Leuchtstofflampenleuchte, eine Steckdose und ein Schalter (alles nicht für die Montage auf brennbaren Oberflächen geeignet) fliegend mit H05VV-F 0,75 verdrahtet. Mein Ratschlag: wegschmeißen, Allibert kaufen und aufhängen.
Ich würde meinen man KANN die Elektrik auf aktuellen Stand bringen, aber ca. die Hälfte muss man erneuern. Beim Rest reicht Klemmen nachziehen (heute geschehen) und Durchmessen.
Bild 1: ein klassischer Holz-Abzweigrahmen mit Blechdeckel (Küchenbeleuchtung).
Bild 2: völlig sinnfreie Klemmdose Küchensteckdosen, man beachte den PE (die Zuleitung kommt von rechts). Anstatt eines Deckels war etwas zerknülltes Kreppband in die Dose gestopft.
Bild 3: leider etwas unscharf, eine grenzgeniale Klemmdose über dem Verteiler. Vom Verteiler kommen drei Leitungen, ist aber alles ein Stromkreis. Außerdem geht hier noch der Hauptschutzleiter (Ye 6 mm2) durch. Offenbar aus Platzmangel in zu kleinen Klemmen sind da noch ein paar Klemmen mehr als nötig. Man beachte auch den fliegenden PE der neuen Leitung nach links!
Bild 4: Küchensteckdose (die erste im Strang). Hier geht nach links eine Leitung zu den weiteren Küchensteckdosen, nach rechts eine zu einer STeckdose im Vorzimmer. Man beachte auch wie die Steckdose halbwegs in der angrenzenden Mauer klebt. Da musste ich stemmen, um einen neuen Rahmen unterzubringen! Rechts unten verläuft direkt an der Wandoberfläche ein Wellrohr unbekannter Funktion. Vermutlich versorgt es den Geschirrspüler. Der ist aufgrund einer Rohrverstopfung aber derzeit voll Wasser und kann daher nicht bewegt werden.
Bild 5: die selbe Steckdose, ausgebaut.
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"Und dann kommen's zu ana Tür da steht oben "Eintritt verboten!" und da miaßn's eine!"